Misstraut den Grünflächen – aktuelle Ausgrabungen an der Westfalenhalle, dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager, in Dortmund! Was liegt hier, im Bochumer Zillertal, noch verborgen?

Archäologen finden Überreste eines der größten Kriegsgefange-nenlager in Westfalen, dem Stalag VI D

WDR 3 Resonanzen
08.06.2026
11:56 Min.

Vor Baumaßnahmen an den neuen Messehallen in Dortmund haben Archäologen dort Spuren eines Kriegsgefangenenlagers frei gelegt. Ingmar Luther, Leiter der Unteren Denkmalbehörde, über die Geschichte hinter dem Fund:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-archaeologen-graben-ueberreste-des-kriegsgefangenenlagers-aus-100.html

Siehe auch: https://www.dortmund.de/newsroom/nachrichten-dortmund.de/archaeologen-graben-ueberreste-des-kriegsgefangenenlagers-an-den-westfalenhallen-aus.html

Artikel auch zur Gedenkveranstaltung: https://www.nordstadtblogger.de/spuren-des-kriegsgefangenenlagers-stalag-vi-d-an-der-westfalenhalle-hier-drunter-liegt-das-leid/

Gedenkfeiern anlässlich des 85. Jahrestags des Angriffs auf die Sowjetunion 1941: Am 21. Juni um 18 Uhr Gedenken auf dem Südfriedhof in Herne. Am 22. Juni 2026 um 18 Uhr Gedenken an tausende Opfer in Dortmund.

Nachricht von: Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, 10.6.2026
Redaktion: Susanne Abeck, Franz-Josef Jelich
Email: mailing@geschichtskultur-ruhr.de
Internet: www.geschichtskultur-ruhr.de

Radtour „Gras drüber“ 13. Juni 2026

Anmeldung: VHS Bochum, 0234 / 910-15 55, vhs@bochum.de, Kurs: M12009B

Treffpunkt: 14 Uhr Gedenkort Bochum-Bergen, Bergenerstr. 116c, Infotafel; Dauer: bis ca. 16:30 Uhr


  

Ehemaliges Lager Bochum-Bergen
Fotos: M. Kaiser, S. Wycisk

Mehr als 50 Jahre nach Schließung der letzten Zeche in Bochum begeben wir uns anhand von Zeitzeugnissen auf die Suche nach Spuren der mehr als hundertjährigen Industrie- und Migrationsgeschichte im Bochumer Norden.

„Misstraut den Grünflächen!“

Ausgehend vom ehemaligen Lager und künftigen Gedenkort Bochum-Bergen machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg der osteuropäischen Zwangsarbeiter der Zeche Constantin im Zweiten Weltkrieg: „Erneut begann die Arbeit und wieder gab es Rübensuppe, wieder den Holzklotz an den Beinen, daran erinnere ich mich wie an einen Albtraum“, berichtet 1998 Nikolaj Storoschenko aus Donezk von seiner Kriegserfahrung in Bochum als jugendlicher Zwangsarbeiter auf Zeche Constantin der Große (1942-1945). Welche Spuren der Zeche sind heute noch sichtbar und welche Geschichte erzählen sie?
Auf Bahntrassen, Feldwegen sowie der Wiescherstr. führt uns der Weg zu den ehemaligen Schächten 10 und 4/5 sowie dem ehemaligen Lager im Zillertal und endet am Südfriedhof in Herne, dem Ehrenfriedhof für Kriegstote fremder Staaten, vor allem aus der Sowjetunion und Polen.  

    



8./9. Mai 1945 Befreiung vom Faschismus – das Trauma aber bleibt!

Sophia Kayes mit Übersetzer erzählt vom Familientrauma auf der Lesung in Bochum-Hiltrop am 23. April 2026 – unser erster Kontakt zu einer Zweitzeugin in England

Ergreifend berichtet Sophia Kayes, die aus der Ukraine stammende Urenkelin von Jakob Makarenko, aus Krywyi Rih, Ukraine, dass ihre Oma Maia, eine von zwei Töchtern von Jakob, stets am Tag der Befreiung den letzten Brief von Jakob zur Mahnung und Erinnerung verlesen habe. Nun sei die Oma im letzten Jahr leider verstorben. Sophia habe sich aber seit längerem auf die Spurensuche nach ihrem Urgroßvater begeben, der nie wieder nach Hause zurückgekehrt war. Aufgrund von Covid und dem russischen Angriffskrieg seit 2022 habe sie ihre weiteren Bemühungen zunächst verschieben müssen. Sie selbst ließ aber dieses familiäre Trauma einfach nicht los!

Am 23. April 2026 wurde Sophia nun dank der Hilfe von Olena Petrenko, Historikerin an der Ruhr-Universität, in Bochum fündig. Wie die Zugangsdokumente der Gewerkschaft Constantin zeigen, war ein Jakob Makarenko als sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitskommando 720 R tätig, das im Zillertal in Holzbaracken untergebracht war und ist am 7. Januar 1945 mit 32 Jahren an den Folgen der Zwangsarbeit in Bochum verstorben. Er wurde auf dem Friedhof Freigrafendamm beigesetzt.

Sophia Kayes mahnt die anwesenden Zuhörer*innen der Lesung aus dem Buch „Als die Holzschuhe zerbrachen, ging ich barfuß!“ in Bochum Hiltrop, an der sie glücklicherweise teilnehmen konnte, dass auch heute wieder unendliches Leid in der Ukraine passiere und wir nicht wegschauen dürften. Das familiäre Trauma durch Krieg und Verlust der Angehörigen wirke viele Jahrzehnte nach und muss endlich ein Ende haben!

Ob es sich aber bei der im Stadtarchiv gefundenen Person tatsächlich um den Urgroßvater handelt, bleibt aufgrund der unschlüssigen Datenlage weiterhin unklar, da weder sein genaues Geburtsdatum bekannt ist noch das Datum des Briefs vom September 1945 mit dem dokumentierten Todesdatum von Januar 1945 in Übereinstimmung zu bringen ist.

1945 letztes Lebenszeichen von Jakob aus der Kriegsgefangenschaft.



(Quelle: Bild und Brief, Sophia Kayes)

Jakob Makarenko ( *23.04.1912 – 7.1.1945 Bochum), der als Schlepper bis zu seinem Tod auf Zeche Constantin mit der Markennr. 9613 tätig war.
(Ob Bild und Personendaten übereinstimmen, ist bislang nicht gesichert!)

„Zappenduster“ – Auf den Spuren der Zwangsarbeiter*innen und ihrer Täter

„Zappenduster!“ – von Donezk in den Pütt nach Bochum – Radtour am 25. April 2026


Treffpunkt der Radtour der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen war die Skulptur „Knochen-Karl“ auf dem Gelände der ehemaligen Hauptverwaltung der Zeche Constantin. Nach einem Abstecher zur Constantinstraße, Wohnort des Baumeisters Raulff, der das Lager an der Bergener Straße gebaut hat, und zum Prattwinkel, wo Steiger Nölting zu Kriegsende wohnte – er hat nachweislich Zwangsarbeiter gedemütigt – fuhr die Gruppe zur „Kaiseraue“ in Bochum-Grumme. Von der ehemaligen Gaststätte „Kaiseraue“, am Kreisverkehr Josephinienstraße/Tenthoffstraße, die in den Kriegsjahren ab 1941 als Zwangsarbeiterlager diente, ist heute nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Schild der Geschichtsgruppe Grumme erinnert an die Geschichte des einst beliebten Ausfluglokals. Der ehemalige Zwangsarbeiter Michail Petruk hielt seine Erinnerungen an die Zwangsarbeit auf Constantin und das Lager Kaiseraue in Briefen an die „Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.“ fest: „Neben dem Gebäude (Kaiseraue) stand eine Baracke, umgeben mit Stacheldraht, in ihr lebten Franzosen. In diesem Lager lebten 240 Menschen – Ostarbeiter – … und 40 Personen aus der Westukraine.“ Alle aus dem Lager arbeiteten im Schacht 8/9 unter schwersten Bedingungen. Und wenn nach 8 Stunden in Hitze und Staub, nur mit Holzpantinen an den Füßen und halbnackt die Norm nicht erfüllt wurde, musste man bis zur nächsten Schicht bleiben“.

Dann ging es bergauf Richtung Hiltroperstraße. Auf dem riesigen Gelände, dem früheren Zechenbetrieb der Schachtanlage VI/VII, sind jetzt der Trainingsplatz des VfL-Bochum und die Werkstatt Constantin-Bewatt angesiedelt. Die Schächte sind mit Protegohauben versiegelt, die ehemalige Direktorenvilla ist noch erhalten. Hier wohnte Dr. Wilhelm Heidemann in der Kriegszeit, ab 1944 Bergwerksdirektor mit späterem Wohnsitz an der Bergstraße. Er wurde im Entnazifizierungsverfahren nach Berufung in die Kategorie V als unbelastet eingestuft und im September 1949 als Mitglied der Grubenleitung wieder eingesetzt.

Auch das ehemalige Kosthaus (Schacht 6/7) ist noch vollständig erhalten und wird nun gewerblich genutzt. 80 meist junge Zwangsarbeiterinnen haben hier ab 1943 für rund 10.000 Bergleute gekocht.

Die Teilnehmenden bekamen auf der Radtour einen Einblick in die harten Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter*innen, die Demütigungen und die Gewalt, die sie erleiden mussten. Die Täter, die in unmittelbarer Nähe der Schächte der Gewerkschaft Vereinigte Constantin der Große gelebt und gearbeitet haben, wurden in den Entnazifizierungsverfahren meist freigesprochen.

Um diese Erinnerung aufrecht zu erhalten, machten auch die Teilnehmenden der Tour am letzten Stopp – dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Bergener Straße – deutlich, wie wichtig ihnen der Erhalt des Lagers ist. Es ist ein seltenes Monument aus der Zeit des für die Region bedeutsamen Ruhrbergbaus wie auch ein Denk- und Mahnmal für den Frieden und ein Sinnbild für die Folgen des völkerrechtswidrigen Angriffs auf Polen und die Sowjetunion zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

https://www.komoot.com/de-de/tour/2262221108?ref=itd&share_token=aT3SPvREHn28z4hpC1bJHkFwcJthrkqKmSSfr8xzek34bhhqn6&ref=its-qr

Quelle: Komoot „Auf den Spuren der Zwangsarbeit im Bochumer Norden“

Einladung zu: Lesung und geführten Radtouren

Donnerstag, 23. April, 18:00 Uhr: Lesung

Lesung im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Bochum-Hiltrop.

Der Eintritt ist frei.

Die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen stellt das Buchprojekt, das auf jahrelanger Recherchearbeit zu den Arbeits- und Lebensbedingungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Zeche Constantin und Mont Cenis in Bochum und Herne basiert, in einer spannenden Lesung vor. Die Sprecher*innen wechseln sich ab, zitieren Originalquellen und zeigen historische Fotos. Im Mittelpunkt stehen persönliche Schicksale und historische Dokumente, die das Leben von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Großzeche Constantin und Mont Cenis beleuchten. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen von Zeitzeugen wie Michail Petruk, die von Hunger, Gewalt und familiären Verlusten berichten und die Darstellung der Schicksale der ukrainischen Mädchen und Frauen, die auf Mont Cenis und Constantin zur Arbeit gezwungen wurden. Weitere Schwerpunkte sind Arbeit, Widerstand, Bestrafung und Verfolgung sowie Entnazifizierung und Öffentlichkeit.

Samstag, 25. April, 14:00-16:30: Radtour

„Zappenduster“, Von Donezk in den Pütt nach Bochum.

Treffpunkt: Vierhausstraße / Ecke Hernerstr. Haltestelle: Constantin, Denkmal „Knochen-Karl“

Anmeldung über die VHS-Bochum, Kurs: M12009A

Samstag, 13. Juni, 14:00-16:30: Radtour

„Gras drüber?“ Auf den Spuren der Zwangsarbeit. Treffpunkt: Bergenerstraße 116c,

Anmeldung über die VHS-Bochum, Kurs: M12009B

Wir sind besorgt – AFD Verbot Jetzt!

Unterstützen Sie den NRW-Appell mit Ihrer Unterschrift und mischen sich als Demokrat*innen aktiv ein!

https://weact.campact.de/petitions/nrw-appell-afd-verbot-jetzt

Auch Gedenkstätten warnen bereits vor zunehmenden Angriffen und betonen die notwendige historisch-politische Bildungsarbeit gegen die Verbreitung von Falschinformationen und Geschichtsrevisionismus.

Hier die Stellungnahme von Prof. Jens-Christian Wagner, dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar, vor dem Bundestag im Januar 2025 zu den aktuellen Herausforderungen und extremistischen Angriffen:

Neue Radtouren zum Lagersystem von Zeche Constantin für 2026 – bitte vormerken!

Schächte und Lager von Constantin, bearbeitete historische Karte von C. Spieker

Am Samstag, den 25.4. um 14 Uhr, „Zappenduster!“ hier zur Anmeldung:

https://vhs.bochum.de/programm/gesellschaft-politik/kurs/Zappenduster-von-Donezk-in-den-Puett-nach-Bochum/M12009A

Am Samstag, den 13.6. um 14 Uhr, „Gras drüber!“, hier zur Anmeldung:

https://vhs.bochum.de/programm/gesellschaft-politik/kurs/Gras-drueber-Auf-den-Spuren-der-Zwangsarbeit/M12009B

Krieg oder Frieden?

Alexander Majak, vor den Zwangsarbeiterbaracken der Westfalia Dinnendahl Gröppel AG, Bochum Verkehrsstraße, Juni 1943; Foto: Privatarchiv W. Jachnow

Ein Friedensappell,

von Alexander Majak, Donezk 1982

Ich will nicht, dass es wieder Krieg gibt, dass an der Front sterben die Väter und die Söhne, dass die Erde versinkt im Meer der Tränen von Müttern, dass der Kummer der Waisen wie mit Zangen unsere Herzen drückt.

Ich will nicht, dass zusammen mit den Menschen stirbt unsere Ernährerin – die Erde! Ich will nicht, dass dort, wo Kindergärten waren, plötzlich Atompilze wachsen.

Nicht den Tod will ich für mich, nicht für unser Land, nicht für alle Mütter der Erde. Mögen die, die den Krieg wollen, ihre Söhne schicken in die Hölle des Krieges.

Anders werden sie den Preis für ihren Unverstand nicht erfahren. Ich will nicht den qualvollen Blick der hungrigen Kinderaugen sehen!

In Schreck verzerrte Grimassen. Ich schreie es der ganzen Welt zu: Wir brauchen nicht den Krieg!

Menschen, unterstützt mich! Schließt euch zusammen, zu einer Familie! Dass unser Wille den Krieg verhindere, dass er werde wie Stahl.

Möge niemand die Mühe noch das Leben selbst beklagen, wenn es hingegeben wird für das Leben! Meine Stimme ist nicht allein, sie ist machtvoll, hinter ihr steht das ganze Land, meine Heimat ganz.

Glaubt mir, ich will wirklich nicht, dass in den Flammen des Krieges verbrennt mein Planet!

(* Alexander Majak arbeitete von März 1942 bis April 1945 als Schlosser in der Montage von Wasserpumpen und Apparaten für Schachtanlagen bei den Gröppelwerken. Er trug dieses Gedicht während seines Besuches in Bochum im August 1994 vor, um seinen Wunsch nach Frieden und Versöhnung auszudrücken. In: ….und die Erinnerung tragen wir im Herzen, Bochum 2002, S. 78 ff.)

Die Rede des Osteuropahistorikers Karl Schlögel anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zum Ukrainekrieg in der Paulskirche, Oktober 2025

https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-plus/friedenspreis-fuer-historiker-karl-schloegel/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNTE0Mzg1OQ