
Mögliche Touren – Auf den Spuren der Zwangsarbeit der Zeche Constantin in Bochum und Herne



Foto: M. Kaiser „Ecke Zillertalstraße / Cruismannstraße“
WDR 3 Resonanzen
08.06.2026
11:56 Min.
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-archaeologen-graben-ueberreste-des-kriegsgefangenenlagers-aus-100.html
Siehe auch: https://www.dortmund.de/newsroom/nachrichten-dortmund.de/archaeologen-graben-ueberreste-des-kriegsgefangenenlagers-an-den-westfalenhallen-aus.html
Artikel auch zur Gedenkveranstaltung: https://www.nordstadtblogger.de/spuren-des-kriegsgefangenenlagers-stalag-vi-d-an-der-westfalenhalle-hier-drunter-liegt-das-leid/
Nachricht von: Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, 10.6.2026
Redaktion: Susanne Abeck, Franz-Josef Jelich
Email: mailing@geschichtskultur-ruhr.de
Internet: www.geschichtskultur-ruhr.de


Mehr als 50 Jahre nach Schließung der letzten Zeche in Bochum begeben wir uns anhand von Zeitzeugnissen auf die Suche nach Spuren der mehr als hundertjährigen Industrie- und Migrationsgeschichte im Bochumer Norden.
„Misstraut den Grünflächen!“
Ausgehend vom ehemaligen Lager und künftigen Gedenkort Bochum-Bergen machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg der osteuropäischen Zwangsarbeiter der Zeche Constantin im Zweiten Weltkrieg: „Erneut begann die Arbeit und wieder gab es Rübensuppe, wieder den Holzklotz an den Beinen, daran erinnere ich mich wie an einen Albtraum“, berichtet 1998 Nikolaj Storoschenko aus Donezk von seiner Kriegserfahrung in Bochum als jugendlicher Zwangsarbeiter auf Zeche Constantin der Große (1942-1945). Welche Spuren der Zeche sind heute noch sichtbar und welche Geschichte erzählen sie?
Auf Bahntrassen, Feldwegen sowie der Wiescherstr. führt uns der Weg zu den ehemaligen Schächten 10 und 4/5 sowie dem ehemaligen Lager im Zillertal und endet am Südfriedhof in Herne, dem Ehrenfriedhof für Kriegstote fremder Staaten, vor allem aus der Sowjetunion und Polen.

Ergreifend berichtet Sophia Kayes, die aus der Ukraine stammende Urenkelin von Jakob Makarenko, aus Krywyi Rih, Ukraine, dass ihre Oma Maia, eine von zwei Töchtern von Jakob, stets am Tag der Befreiung den letzten Brief von Jakob zur Mahnung und Erinnerung verlesen habe. Nun sei die Oma im letzten Jahr leider verstorben. Sophia habe sich aber seit längerem auf die Spurensuche nach ihrem Urgroßvater begeben, der nie wieder nach Hause zurückgekehrt war. Aufgrund von Covid und dem russischen Angriffskrieg seit 2022 habe sie ihre weiteren Bemühungen zunächst verschieben müssen. Sie selbst ließ aber dieses familiäre Trauma einfach nicht los!
Am 23. April 2026 wurde Sophia nun dank der Hilfe von Olena Petrenko, Historikerin an der Ruhr-Universität, in Bochum fündig. Wie die Zugangsdokumente der Gewerkschaft Constantin zeigen, war ein Jakob Makarenko als sowjetischer Kriegsgefangener im Arbeitskommando 720 R tätig, das im Zillertal in Holzbaracken untergebracht war und ist am 7. Januar 1945 mit 32 Jahren an den Folgen der Zwangsarbeit in Bochum verstorben. Er wurde auf dem Friedhof Freigrafendamm beigesetzt.
Sophia Kayes mahnt die anwesenden Zuhörer*innen der Lesung aus dem Buch „Als die Holzschuhe zerbrachen, ging ich barfuß!“ in Bochum Hiltrop, an der sie glücklicherweise teilnehmen konnte, dass auch heute wieder unendliches Leid in der Ukraine passiere und wir nicht wegschauen dürften. Das familiäre Trauma durch Krieg und Verlust der Angehörigen wirke viele Jahrzehnte nach und muss endlich ein Ende haben!
Ob es sich aber bei der im Stadtarchiv gefundenen Person tatsächlich um den Urgroßvater handelt, bleibt aufgrund der unschlüssigen Datenlage weiterhin unklar, da weder sein genaues Geburtsdatum bekannt ist noch das Datum des Briefs vom September 1945 mit dem dokumentierten Todesdatum von Januar 1945 in Übereinstimmung zu bringen ist.




Treffpunkt der Radtour der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen war die Skulptur „Knochen-Karl“ auf dem Gelände der ehemaligen Hauptverwaltung der Zeche Constantin. Nach einem Abstecher zur Constantinstraße, Wohnort des Baumeisters Raulff, der das Lager an der Bergener Straße gebaut hat, und zum Prattwinkel, wo Steiger Nölting zu Kriegsende wohnte – er hat nachweislich Zwangsarbeiter gedemütigt – fuhr die Gruppe zur „Kaiseraue“ in Bochum-Grumme. Von der ehemaligen Gaststätte „Kaiseraue“, am Kreisverkehr Josephinienstraße/Tenthoffstraße, die in den Kriegsjahren ab 1941 als Zwangsarbeiterlager diente, ist heute nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Schild der Geschichtsgruppe Grumme erinnert an die Geschichte des einst beliebten Ausfluglokals. Der ehemalige Zwangsarbeiter Michail Petruk hielt seine Erinnerungen an die Zwangsarbeit auf Constantin und das Lager Kaiseraue in Briefen an die „Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.“ fest: „Neben dem Gebäude (Kaiseraue) stand eine Baracke, umgeben mit Stacheldraht, in ihr lebten Franzosen. In diesem Lager lebten 240 Menschen – Ostarbeiter – … und 40 Personen aus der Westukraine.“ Alle aus dem Lager arbeiteten im Schacht 8/9 unter schwersten Bedingungen. Und wenn nach 8 Stunden in Hitze und Staub, nur mit Holzpantinen an den Füßen und halbnackt die Norm nicht erfüllt wurde, musste man bis zur nächsten Schicht bleiben“.

Dann ging es bergauf Richtung Hiltroperstraße. Auf dem riesigen Gelände, dem früheren Zechenbetrieb der Schachtanlage VI/VII, sind jetzt der Trainingsplatz des VfL-Bochum und die Werkstatt Constantin-Bewatt angesiedelt. Die Schächte sind mit Protegohauben versiegelt, die ehemalige Direktorenvilla ist noch erhalten. Hier wohnte Dr. Wilhelm Heidemann in der Kriegszeit, ab 1944 Bergwerksdirektor mit späterem Wohnsitz an der Bergstraße. Er wurde im Entnazifizierungsverfahren nach Berufung in die Kategorie V als unbelastet eingestuft und im September 1949 als Mitglied der Grubenleitung wieder eingesetzt.
Auch das ehemalige Kosthaus (Schacht 6/7) ist noch vollständig erhalten und wird nun gewerblich genutzt. 80 meist junge Zwangsarbeiterinnen haben hier ab 1943 für rund 10.000 Bergleute gekocht.
Die Teilnehmenden bekamen auf der Radtour einen Einblick in die harten Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter*innen, die Demütigungen und die Gewalt, die sie erleiden mussten. Die Täter, die in unmittelbarer Nähe der Schächte der Gewerkschaft Vereinigte Constantin der Große gelebt und gearbeitet haben, wurden in den Entnazifizierungsverfahren meist freigesprochen.
Um diese Erinnerung aufrecht zu erhalten, machten auch die Teilnehmenden der Tour am letzten Stopp – dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Bergener Straße – deutlich, wie wichtig ihnen der Erhalt des Lagers ist. Es ist ein seltenes Monument aus der Zeit des für die Region bedeutsamen Ruhrbergbaus wie auch ein Denk- und Mahnmal für den Frieden und ein Sinnbild für die Folgen des völkerrechtswidrigen Angriffs auf Polen und die Sowjetunion zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Quelle: Komoot „Auf den Spuren der Zwangsarbeit im Bochumer Norden“



Donnerstag, 23. April, 18:00 Uhr: Lesung

Die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen stellt das Buchprojekt, das auf jahrelanger Recherchearbeit zu den Arbeits- und Lebensbedingungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Zeche Constantin und Mont Cenis in Bochum und Herne basiert, in einer spannenden Lesung vor. Die Sprecher*innen wechseln sich ab, zitieren Originalquellen und zeigen historische Fotos. Im Mittelpunkt stehen persönliche Schicksale und historische Dokumente, die das Leben von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Großzeche Constantin und Mont Cenis beleuchten. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen von Zeitzeugen wie Michail Petruk, die von Hunger, Gewalt und familiären Verlusten berichten und die Darstellung der Schicksale der ukrainischen Mädchen und Frauen, die auf Mont Cenis und Constantin zur Arbeit gezwungen wurden. Weitere Schwerpunkte sind Arbeit, Widerstand, Bestrafung und Verfolgung sowie Entnazifizierung und Öffentlichkeit.
Ziel der Initiative ist es, die Erinnerung an diese Menschen wachzuhalten, das öffentliche Sprechen über diese Zeit anzustoßen und den Ort Bochum-Bergen sowie weitere Erinnerungsorte auch in Herne als Lern- und Gedenkort zu bewahren. Im Anschluss an die Lesung ist Zeit für den gemeinsamen Austausch.
Samstag, 25. April, 14:00-16:30: Radtour

Samstag, 13. Juni, 14:00-16:30: Radtour
„Gras drüber?“ Auf den Spuren der Zwangsarbeit. Treffpunkt: Bergenerstraße 116c,

https://weact.campact.de/petitions/nrw-appell-afd-verbot-jetzt
Hier die Stellungnahme von Prof. Jens-Christian Wagner, dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar, vor dem Bundestag im Januar 2025 zu den aktuellen Herausforderungen und extremistischen Angriffen:



Neue Ausstellung zur Zwangsarbeit im Ruhrbergbau kuratiert von dem Verein Zweitzeugen e.V. zusammen mit dem Ruhrmuseum: https://zweitzeugen.de/holo-voices
