„Zappenduster“ – Auf den Spuren der Zwangsarbeiter*innen und ihrer Täter

„Zappenduster!“ – von Donezk in den Pütt nach Bochum – Radtour am 25. April 2026


Treffpunkt der Radtour der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen war die Skulptur „Knochen-Karl“ auf dem Gelände der ehemaligen Hauptverwaltung der Zeche Constantin. Nach einem Abstecher zur Constantinstraße, Wohnort des Baumeisters Raulff, der das Lager an der Bergener Straße gebaut hat, und zum Prattwinkel, wo Steiger Nölting zu Kriegsende wohnte – er hat nachweislich Zwangsarbeiter gedemütigt – fuhr die Gruppe zur „Kaiseraue“ in Bochum-Grumme. Von der ehemaligen Gaststätte „Kaiseraue“, am Kreisverkehr Josephinienstraße/Tenthoffstraße, die in den Kriegsjahren ab 1941 als Zwangsarbeiterlager diente, ist heute nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Schild der Geschichtsgruppe Grumme erinnert an die Geschichte des einst beliebten Ausfluglokals. Der ehemalige Zwangsarbeiter Michail Petruk hielt seine Erinnerungen an die Zwangsarbeit auf Constantin und das Lager Kaiseraue in Briefen an die „Gesellschaft Bochum-Donezk e.V.“ fest: „Neben dem Gebäude (Kaiseraue) stand eine Baracke, umgeben mit Stacheldraht, in ihr lebten Franzosen. In diesem Lager lebten 240 Menschen – Ostarbeiter – … und 40 Personen aus der Westukraine.“ Alle aus dem Lager arbeiteten im Schacht 8/9 unter schwersten Bedingungen. Und wenn nach 8 Stunden in Hitze und Staub, nur mit Holzpantinen an den Füßen und halbnackt die Norm nicht erfüllt wurde, musste man bis zur nächsten Schicht bleiben“.

Dann ging es bergauf Richtung Hiltroperstraße. Auf dem riesigen Gelände, dem früheren Zechenbetrieb der Schachtanlage VI/VII, sind jetzt der Trainingsplatz des VfL-Bochum und die Werkstatt Constantin-Bewatt angesiedelt. Die Schächte sind mit Protegohauben versiegelt, die ehemalige Direktorenvilla ist noch erhalten. Hier wohnte Dr. Wilhelm Heidemann in der Kriegszeit, ab 1944 Bergwerksdirektor mit späterem Wohnsitz an der Bergstraße. Er wurde im Entnazifizierungsverfahren nach Berufung in die Kategorie V als unbelastet eingestuft und im September 1949 als Mitglied der Grubenleitung wieder eingesetzt.

Auch das ehemalige Kosthaus (Schacht 6/7) ist noch vollständig erhalten und wird nun gewerblich genutzt. 80 meist junge Zwangsarbeiterinnen haben hier ab 1943 für rund 10.000 Bergleute gekocht.

Die Teilnehmenden bekamen auf der Radtour einen Einblick in die harten Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter*innen, die Demütigungen und die Gewalt, die sie erleiden mussten. Die Täter, die in unmittelbarer Nähe der Schächte der Gewerkschaft Vereinigte Constantin der Große gelebt und gearbeitet haben, wurden in den Entnazifizierungsverfahren meist freigesprochen.

Um diese Erinnerung aufrecht zu erhalten, machten auch die Teilnehmenden der Tour am letzten Stopp – dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Bergener Straße – deutlich, wie wichtig ihnen der Erhalt des Lagers ist. Es ist ein seltenes Monument aus der Zeit des für die Region bedeutsamen Ruhrbergbaus wie auch ein Denk- und Mahnmal für den Frieden und ein Sinnbild für die Folgen des völkerrechtswidrigen Angriffs auf Polen und die Sowjetunion zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

https://www.komoot.com/de-de/tour/2262221108?ref=itd&share_token=aT3SPvREHn28z4hpC1bJHkFwcJthrkqKmSSfr8xzek34bhhqn6&ref=its-qr

Quelle: Komoot „Auf den Spuren der Zwangsarbeit im Bochumer Norden“

Einladung zu: Lesung und geführten Radtouren

Donnerstag, 23. April, 18:00 Uhr: Lesung

Lesung im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Bochum-Hiltrop.

Der Eintritt ist frei.

Die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen stellt das Buchprojekt, das auf jahrelanger Recherchearbeit zu den Arbeits- und Lebensbedingungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Zeche Constantin und Mont Cenis in Bochum und Herne basiert, in einer spannenden Lesung vor. Die Sprecher*innen wechseln sich ab, zitieren Originalquellen und zeigen historische Fotos. Im Mittelpunkt stehen persönliche Schicksale und historische Dokumente, die das Leben von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf der Großzeche Constantin und Mont Cenis beleuchten. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen von Zeitzeugen wie Michail Petruk, die von Hunger, Gewalt und familiären Verlusten berichten und die Darstellung der Schicksale der ukrainischen Mädchen und Frauen, die auf Mont Cenis und Constantin zur Arbeit gezwungen wurden. Weitere Schwerpunkte sind Arbeit, Widerstand, Bestrafung und Verfolgung sowie Entnazifizierung und Öffentlichkeit.

Samstag, 25. April, 14:00-16:30: Radtour

„Zappenduster“, Von Donezk in den Pütt nach Bochum.

Treffpunkt: Vierhausstraße / Ecke Hernerstr. Haltestelle: Constantin, Denkmal „Knochen-Karl“

Anmeldung über die VHS-Bochum, Kurs: M12009A

Samstag, 13. Juni, 14:00-16:30: Radtour

„Gras drüber?“ Auf den Spuren der Zwangsarbeit. Treffpunkt: Bergenerstraße 116c,

Anmeldung über die VHS-Bochum, Kurs: M12009B

Einstimmiger Ratsbeschluss zur Entwicklung des ehemaligen Lagers Bergener Straße am 10.7.2025

Ein Gedenkort im Entstehen – die ehemalige Kommandantur; Foto: S. Wycisk

Hier die Beschlussvorlage im Wortlaut zur Ansicht:

https://bochum.ratsinfomanagement.net/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZR9601Csi0G00LSSKY92qotrb01MNtTiKqwrsYJdHCbC/Beschlussvorlage_der_Verwaltung_20250210.pdf

Die einstimmige Verabschiedung der Beschlussvorlage der Verwaltung (Nr. 20250210 Amt für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster, Holger Ernst vom 30.01.2025) zur „Umsetzung von Teilmaßnahmen in einer Größenordnung von 2,0 Mio €“ für die Jahre 2025/2026 ist zu begrüßen. Besonders hervorzuheben ist, dass neben der Sanierung und künftigen Nutzung der ehemaligen Kommandantur, Bergenerstr. 116 i, als Gedenkstätte und Museum, zeitnah auch der Wohngebäudeblock Bergener Straße 116 c, ehemaliger Bürgertreff, in den Blick genommen wird. Seit 2020 haben wir bereits als Initiative darauf hingewiesen, dass, so nun im Wortlaut die Vorlage, „insbesondere um Schulklassen oder anderen Gruppen bei Veranstaltungen ausreichend Platz bieten zu können […] eine erweiterte museale Nutzung der Immobilie in städtischer Trägerschaft zu ermöglichen“ sei. Weiter heißt es „die Sanierung des Gebäudes Bergener Str. 116 c […] soll als historisches Gebäude im Sinne eines ‚Museumsgebäudes im originalen Bauzustand‘ erfolgen.“ Inwieweit auch der gedeckte, bereits frei geräumte Splitterschutzgraben, als Bodendenkmal ausgewiesen, in das Denkmalkonzept nach Prüfung der Statik einbezogen wird, bleibt abzuwarten. „In den unterirdischen Räumen wurden vereinzelt Fundstücke sichergestellt und dem Stadtarchiv übergeben“.

Viele Interessierte bei Gedenkfeier am kalten, aber sonnigen 2. Februar 2025!

Fotos: J. Chill
Namenverlesen von der Italienischen Gemeinde
v.re.: Pater John, ital. Konsulatsvertreter, M. Olm

Wir gedenken der 22 getöteten Zwangsarbeiter. Am 2. Februar 1945 kamen sie – 2 Monate vor der Befreiung – durch einen nächtlichen Luftangriff ums Leben!

  • (53)Antonio Malagoli, 24 Jahre, geboren in Solara di Bomporto – Modena, Emilia-Romagna
  • (54) Gino Zanotti, 22 Jahre, geboren in Gatteo – Forlì, Emilia-Romagna
  • (55) Alessandro Passadinibi, 29 Jahre, geboren in Castel S. Pietro – Bologna, Emilia-Romagna
  • (56) Cosimo Martina, 32 Jahre, geboren in Nardò – Lecce, Apulien
  • (57) Carmelo Caramia, 30 Jahre, geboren in Mesagne – Brindisi, Apulien
  • (58) Paolo Maserati, 25 Jahre, in Gazzola – Piacenza, Emilia-Romagna
  • (59) Severino Fabris, 30 Jahre, geboren in Camponogara-Venedig, Venetien
  • (60) Ferdinando Paolinelli, 30 Jahre, geboren in S. Lorenzo in Campo-Pesaro/Urbino, Umbrien
  • (61) Alfonso Pizza, 32 Jahre, geboren in Niscemi – Caltanissetta, Sizilien
  • (62) Giuseppe Sarru, 33 Jahre, geboren in Tortoli – Ogliastra, Sardinien
  • (63) Giuseppe Capraro, 32 Jahre, geboren in Canicattì – Agrigent, Sizilien
  • (64) Pietro Bono, 32 Jahre, geboren in Montelepre – Palermo, Sizilien
  • (65) Wasyl Heijderin, 19 Jahre, geboren in Stano-Dosperdowik, Sowjetunion
  • (66) Domenico Quintiero, 21 Jahre, geboren in Cittadella del Capo – Cosenza, Calabrien
  • (67) Angelo Coviello, 31 Jahre, geboren in Avigliano – Potenza, Basilicata
  • (68) Nunzio Latino, 21 Jahre, geboren in Vittoria – Ragusa, Sizilien
  • (69) Bartolomeo Zaccagnino, 22 Jahre, geboren in Atella – Potenza, Basilicata
    (Stand Dezember 2024: kursive Zahlen sind die Nr. der Sterbeurkunden beim Standesamt Bochum-Gerthe)

Redebeitrag von Alfredo Vernazzani, ANPI-Köln, Verband der Partisanen Italiens in Deutschland, am 2. Februar 2005 und Bericht der Initiative:

Liebe Alle,

Wir sind jetzt schon eine Weile hier, Sie haben von den Umständen des Todes der Menschen erfahren, deren wir heute gedenken, Sie haben ihre Namen gehört, und so sehe ich mich nicht von der Aufgabe belastet, all dies noch einmal zu wiederholen. Stattdessen werde ich Ihnen eine andere Seite der Geschichte erzählen.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich heute hier als Vertreter der ANPI Köln. Die ANPI ist die Vereinigung italienischer Partisanen, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um Mitglieder der italienischen Resistenza gegen den Faschismus und die Nazi-Besatzungstruppen in Italien zu sammeln.

Seitdem hat sich es die Welt tief verändert. Die meisten Partisanen sind gestorben, und die ANPI, die inzwischen verschiedene Sitze in anderen Ländern in Europa und darüber hinaus eröffnet hat, hat ihre Tore für Mitglieder der neuen Generationen geöffnet, Mitglieder, die die Aufgabe weiterführen könnten, den Wert des Antifaschismus und der Erinnerung am Leben zu erhalten, die das Herzstück des aus der Asche des Krieges geborenen Europas bilden.

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