Viele Interessierte bei Gedenkfeier am kalten, aber sonnigen 2. Februar 2025!

Fotos: J. Chill
Namenverlesen von der Italienischen Gemeinde
v.re.: Pater John, ital. Konsulatsvertreter, M. Olm

Wir gedenken der 22 getöteten Zwangsarbeiter. Am 2. Februar 1945 kamen sie – 2 Monate vor der Befreiung – durch einen nächtlichen Luftangriff ums Leben!

  • (53)Antonio Malagoli, 24 Jahre, geboren in Solara di Bomporto – Modena, Emilia-Romagna
  • (54) Gino Zanotti, 22 Jahre, geboren in Gatteo – Forlì, Emilia-Romagna
  • (55) Alessandro Passadinibi, 29 Jahre, geboren in Castel S. Pietro – Bologna, Emilia-Romagna
  • (56) Cosimo Martina, 32 Jahre, geboren in Nardò – Lecce, Apulien
  • (57) Carmelo Caramia, 30 Jahre, geboren in Mesagne – Brindisi, Apulien
  • (58) Paolo Maserati, 25 Jahre, in Gazzola – Piacenza, Emilia-Romagna
  • (59) Severino Fabris, 30 Jahre, geboren in Camponogara-Venedig, Venetien
  • (60) Ferdinando Paolinelli, 30 Jahre, geboren in S. Lorenzo in Campo-Pesaro/Urbino, Umbrien
  • (61) Alfonso Pizza, 32 Jahre, geboren in Niscemi – Caltanissetta, Sizilien
  • (62) Giuseppe Sarru, 33 Jahre, geboren in Tortoli – Ogliastra, Sardinien
  • (63) Giuseppe Capraro, 32 Jahre, geboren in Canicattì – Agrigent, Sizilien
  • (64) Pietro Bono, 32 Jahre, geboren in Montelepre – Palermo, Sizilien
  • (65) Wasyl Heijderin, 19 Jahre, geboren in Stano-Dosperdowik, Sowjetunion
  • (66) Domenico Quintiero, 21 Jahre, geboren in Cittadella del Capo – Cosenza, Calabrien
  • (67) Angelo Coviello, 31 Jahre, geboren in Avigliano – Potenza, Basilicata
  • (68) Nunzio Latino, 21 Jahre, geboren in Vittoria – Ragusa, Sizilien
  • (69) Bartolomeo Zaccagnino, 22 Jahre, geboren in Atella – Potenza, Basilicata
    (Stand Dezember 2024: kursive Zahlen sind die Nr. der Sterbeurkunden beim Standesamt Bochum-Gerthe)

Redebeitrag von Alfredo Vernazzani, ANPI-Köln, Verband der Partisanen Italiens in Deutschland, am 2. Februar 2005 und Bericht der Initiative:

Liebe Alle,

Wir sind jetzt schon eine Weile hier, Sie haben von den Umständen des Todes der Menschen erfahren, deren wir heute gedenken, Sie haben ihre Namen gehört, und so sehe ich mich nicht von der Aufgabe belastet, all dies noch einmal zu wiederholen. Stattdessen werde ich Ihnen eine andere Seite der Geschichte erzählen.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich heute hier als Vertreter der ANPI Köln. Die ANPI ist die Vereinigung italienischer Partisanen, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um Mitglieder der italienischen Resistenza gegen den Faschismus und die Nazi-Besatzungstruppen in Italien zu sammeln.

Seitdem hat sich es die Welt tief verändert. Die meisten Partisanen sind gestorben, und die ANPI, die inzwischen verschiedene Sitze in anderen Ländern in Europa und darüber hinaus eröffnet hat, hat ihre Tore für Mitglieder der neuen Generationen geöffnet, Mitglieder, die die Aufgabe weiterführen könnten, den Wert des Antifaschismus und der Erinnerung am Leben zu erhalten, die das Herzstück des aus der Asche des Krieges geborenen Europas bilden.

Dabei geht es natürlich darum, die Erinnerung an jene Männer und Frauen wachzuhalten, die ihr Leben in einem bewaffneten Konflikt gegen den Faschismus riskierten, oder an jene, die ihre Rolle durch Täuschung und Spionage spielten. Aber es gibt noch eine andere Seite der Geschichte, die Geschichte der IMIs, die zu lange im Schatten der Zeit verborgen geblieben ist.

Die IMIs oder „italienischen Militärinterinerte“ — um die Formel des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 20. September 1943 zu verwenden — wurden auf direkten Befehl Hitlers zur Kennzeichnung der im Rahmen der Operation Achse gefangenen italienischen Soldaten jeglichen Schutzes beraubt, der Gefangenen gemäß der Genfer Konvention vom Juli 1929 garantiert war. Während der Monate oder über ein Jahr ihrer Gefangenschaft wurden die IMIs wiederholt gedemütigt, ihre Namen wurden ihnen genommen und durch eine auf eine Metallplatte geprägte Nummer ersetzt, sie litten Hunger und Durst, und wurden von Goebbels‘ Propaganda ständig angegriffen, die darauf abzielte, ihren Geist zu brechen.

Abgeschnitten vom Rest der Welt erfuhren sie von den Ereignissen nur durch die Worte deutscher Offiziere, die Geschichten darüber erfunden, wie das Leben ihrer Familien in den von den Alliierten und dem „Verräter“ Badoglio besetzten Gebieten immer härter wurde, und wie sich der Kriegsausgang zugunsten der Achsenmächte auswirke. Doch trotz all dieser Qualen und der Propaganda bot sich den IMIs ein Ausweg, wenn sie sich bereit erklärten, sich den Streitkräften der Kriegsmaschinerie des Dritten Reichs oder der Italienischen Sozialrepublik, Mussolinis letzter Bastion gegen die nach Norden marschierenden Alliierten, anzuschließen.

Und doch weigerte sich die überwältigende Mehrheit der IMIs, Hunderttausende von Menschen, trotz der extremen Bedingungen, trotz der Unterdrückung und vermutlich ohne die Hoffnung, ihre Lieben wiederzusehen, den Streitkräften der Italienischen Sozialrepublik und des Dritten Reichs beizutreten. Das finde ich bemerkenswert, es unterstreicht die außergewöhnliche Widerstandskraft der IMIs und ihre entschiedene Weigerung, sich den totalitären Regimen zu beugen.

Viele Geschichten der IMIs sind jedoch inzwischen vergessen worden. Erst seit relativ kurzer Zeit haben Historiker begonnen, die genauen Ausmaße der Odyssee der IMIs aufzudecken. Die meisten IMIs, die das Glück hatten zu überleben, darunter auch mein Großvater Filippo Speciale, ließen bei ihrer Rückkehr zu ihren Familien die Erinnerung an die Gefangenschaft, die langen kalten Nächte, die Demütigungen und die Schande zurück. Andere, die in Zwangsarbeitslagern starben, sind heute nur noch Namen, und wieder andere sind durch die Zeit verschwunden und völlig vergessen worden. Das Mindeste, was wir tun können, ist, ihre Erinnerung wach zu halten und uns daran zu erinnern, dass ihr „Nein“ zum Faschismus einer der Eckpfeiler unserer heutigen demokratischen Gesellschaften ist.

Ich denke, diese Botschaft sollte heute stärker denn je nachhallen, da wir uns in Europa und anderswo dem immer stärker werdenden Wind des Rechtsextremismus gegenübersehen. Jetzt ist es wichtiger denn je, die Erinnerung und den Antifaschismus wachsam zu halten.

Ich möchte denjenigen danken, die diese Veranstaltung wirklich möglich gemacht haben, ohne deren Bemühungen, diese 22 vergessenen Kriegsopfer zu bergen, wir nicht hier wären.

Alfredo Vernazzani, Bochum 1. Februar 2025

Bericht der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen zum 80. Jahrestag des Luftangriff

Am 2. Februar 2025 versammelten sich über 100 Menschen im ehemaligen sogenannten Ostarbeiterlager der Zeche Constantin der Große an der Bergener Straße 116 a-c in Bochum, um der 22 getöteten Zwangsarbeiter zu gedenken, die genau 80 Jahre zuvor in der Nacht des 2. Februar 1945 bei einem Luftangriff ums Leben kamen. Unter ihnen befanden sich 21 italienische Militärgefangene sowie der sowjetische Zwangsarbeiter Wasyl Hejderin, der noch nicht einmal 20 Jahre alt wurde.

Zur Gedenkveranstaltung eingeladen hatte die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen, um mit ihrer Veranstaltung, die Bedeutung einer lebendigen europäischen Erinnerungskultur konkret werden zu lassen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erinnerten die Beteiligten in ihren Beiträgen und Reden an die italienischen Militärinternierten (IMIs) und ihre bisher kaum erforschten Schicksale. Darunter der stellvertretende italienische Konsul des italienischen Konsulates Dortmund Dr. Giuseppe Perconte Licatese, Dr. Alfredo Vernazzani, Doktor der Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied von ANPI (Nationale Vereinigung der Partisanen Italiens), Mitglieder der italienischen Gemeinde Bergen-Hiltrop, der deutsch-italienischen Gesellschaft Bochum „Cicuit“, Pater John Joseph der italienischen Mission Gevelsberg, der Bezirksbürgermeister Henry Donner sowie Alfons Zimmer, Susanne Wycisk und Volker Gerwers für die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen.

Die Verlesung der Namen der Opfer und ihrer Geburtsorte durch die Mitglieder der italienischen Mission und des Vereins „Cicuit“ sowie das Anbringen einer roten Nelke für jeden Getöteten an der Tür der ehemaligen Baracke der italienischen Militärinternierten durch Martin Olm und Myra Kaiser von der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen setzten dabei ein starkes Zeichen gegen das Vergessen und für neue interkulturell geprägte Formen des Erinnerns.

80 Jahre nach Errichtung des Lagers wird im ehemaligen Lager Bergen ab Sommer ein neuer, authentischer und seit dem Krieg bewohnter Gedenkort der Zwangsarbeit im Ruhrbergbau eröffnet. Auf kleiner Fläche in der ehemaligen Kommandantur, direkt am ehemaligen Lagereingang konzipiert das Stadtarchiv (mit der Historikerin Susanne Abeck) derzeit eine Ausstellung. Die übrigen teils noch bewohnten acht Gebäudekomplexe, darunter auch das ab den 1970er als Vereinsraum genutzte Lagergebäude, sollen von der Stadt Bochum für die Bewohner*innen saniert werden, worauf diese seit Jahren sehnlichst warten.

In ihrer Rede beleuchtete Susanne Wycisk die Situation der italienischen Militärinternierten (IMIs) im Ostarbeiterlager Bergen ab 1943. Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad suchte die Ruhrbergbau nach neuen Zwangsarbeitern, da russische Kriegsgefangene nicht mehr zur Verfügung standen. Stattdessen wurden ab Oktober 1943 Tausende italienische Soldaten, die sich nach Italiens Waffenstillstand nicht der Wehrmacht anschließen wollten, als Arbeitskräfte zwangsverpflichtet. Auf der Zeche Constantin in Bochum-Riemke waren bis Juli 1944 rund 744 italienische Militärinternierte eingesetzt. Sie lebten unter prekären Bedingungen in dem sogenannten Ostarbeiterlager Bergen, in Baracken. Über Zeitzeugen wie Nicolaj Storoschenko (*26.12.1928, Ukraine), Michael Petruk (*15.8.1925, Ukraine) ist bekannt, dass sie von 1942 bis zur Befreiung im April 1945 auf Constantin unter schwersten Bedingungen arbeiteten, sie wurden ihrer Jugend beraubt – aber überlebten. Sie sind den Italienern im Lager Bergen spätestens 1944, nach Schließung der Kaiseraue, hier vor Ort begegnet.

Erst die Sichtung von Sterbeurkunden des Standesamts Gerthe brachte ans Licht, dass am 2. Februar 1945 um 23 Uhr 22 meist junge Männer, katholischen Glaubens, aus verschiedenen Regionen Italiens bei einem Luftangriff ums Leben kamen. Stefan Golinski, ein polnischer Zwangsarbeiter und Zeitzeuge, erinnerte sich in einem Interview aus dem Jahr 2002 an die Tragödie: „Kurz vor dem Kriegsende ist da eine Luftmine reingekommen. Die 45 Italiener waren sofort weg. Da sind doch die Baracken… die zwei Baracken. Die haben an die Seite der Baracke die Leute gepackt und hingelegt. Acht Tage haben sie draußen gelegen, mit Papier zugedeckt – ein Gestank! Später kamen sie mit einem Auto, russische Gefangene oder Ostarbeiter haben alle aufgeladen und zum Bochumer Friedhof gebracht.“ Begraben wurden die Opfer zunächst auf dem Hauptfriedhof am Freigrafendamm. In den 1950er Jahren erfolgte die Umbettung der meisten von ihnen auf den italienischen Kriegsfriedhof in Frankfurt-Westhausen. Wie der Grabstein auf dem damaligen Italienerfriedhof in Bochum zeigt, waren die 21 am 2. Februar 1945 durch alliierten Luftangriff getöteten Italiener dem Arbeitskommando 722 zugeordnet.

Dank der unterstützenden Recherchen von Herrn Giancarlo De Simoi von der Nationalen Vereinigung der Partisanen Italiens (ANPI) konnten einige Hintergründe zu den getöteten Soldaten rekonstruiert werden. Viele von ihnen gehörten Einheiten an, die in Jugoslawien stationiert waren, darunter die Alpini-Division, deren Mitglieder teils noch bis Oktober 1943 Widerstand leisteten, sowie das 56. Infanterie-Regiment der Division Marche, das in Dubrovnik gegen SS-Einheiten kämpfte. Alfredo Vernazzani schilderte in seiner Rede die unmenschliche Behandlung der italienischen Militärinternierten (IMIs) durch die Wehrmacht. Ihnen wurde der Schutz der Genfer Konvention verweigert, sie litten unter Hunger, Kälte und Demütigungen, doch Hunderttausende entschieden sich gegen eine Kollaboration mit dem NS-Regime und Mussolinis Italienischer Sozialrepublik. Vernazzani hebt diese Haltung als besondere Form des Widerstandes hervor.

Er betont, dass die Geschichte der IMIs lange in Vergessenheit geraten sei und erst seit Kurzem intensiver erforscht werde. Viele Überlebende schwiegen über ihr Leiden, während andere namenlos in Zwangsarbeitslagern starben. Die Erinnerung an ihren Widerstand wachzuhalten sei, so Vernazzani, gerade in Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus in Europa als Eckpfeiler einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar. Abschließend dankt er den Initiatoren der Gedenkveranstaltung für ihre Arbeit zur Wiederentdeckung der 22 vergessenen Opfer.

Diese Gedenkveranstaltung war in dieser Form neu und setzte Impulse für ein erinnerndes Handeln, das einen Raum für lebendige, verbindende und übergreifende Geschichtserinnerung für die Zukunft ermöglichen kann.

Zum Abschluss sprach Pater John Joseph von der italienischen Mission Gevelsberg das „Padre nostro“ in italienischer Sprache. Sein Team lud alle ein, in den warmen Gemeindesaal Im Hagenacker zu Kaffee und Begegnung ein. Bei kaltem, schönem Winterwetter nahmen viele die Gastfreundschaft der Italiener gerne an.

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