Am Sonntag, den 17.3. 2024, zeitgleich zu den Scheinwahlen in Russland und dem Protest der Opposition vor den Wahllokalen um 12 Uhr Moskauer Zeit, fand am ehemaligen Zwangsarbeiterlager für „Ostarbeiter“ (v.a. Russen und Ukrainer) der Zeche Constantin die erste diesjährige Führung in Bochum-Bergen statt.

Das große Interesse und die Ideen der etwa 35 Besucher*innen zu dem, was sie sich für den Ort wünschen, tragen deutlichen Aufforderungscharakter gegenüber der Stadt als Eigentümerin: „Den Ort in der Bochumer Bürgerschaft präsenter machen“, „die Siedlung wiederbeleben“ oder „den wichtigen Gedenkort, auch für nachfolgende Generationen“ erhalten. Zum Beispiel könnte ein Barackenzug so umgestaltet werden, „dass man sich vorstellen kann, wie die Menschen hier gelebt haben“.
Stattdessen passiert seit Monaten aber nichts: Baustopp an der ehemaligen Kommandantur nach Entkernung und Schadstoffsanierung im Herbst 2023. Die teils bewohnten Gebäude der langjährigen Bewohner sind trotz Auftrag an die Verwaltung weder winterfest gemacht, noch wurde die Sanierung begonnen. Es gibt immer mehr Leerstand. Die Dächer, die Außenfassaden und das Gelände sehen ungepflegt und runtergekommen aus. Nur Spuren der Bodenarchäologie führen zu verschiedenen Bohrungen, zu dem unter Denkmalschutz stehenden Deckungsgraben – der Eingangsbereich ist gefüllt mit Sondermüll wie Ölkanistern.

„So runtergekommen sah das Gelände in den 1970er Jahren aber nicht aus!“
Anschaulich berichtete eine ehemals aus der Türkei stammende Großfamilie wie sie seit Mitte der 1970er Jahre mit 9 Personen in der hinteren Wohnung des Gebäudes 116c mehr als 15 Jahre gelebt haben. Der Vater habe bei Krupp garbeitet. Die jüngste Nichte dazu: „Das ist für mich ein emotionaler Moment. Ich wurde 1986 hier geboren und habe meine Kindheit hier verbracht“. Die Älteren erzählen, dass sie in die Frauenlobschule zum Unterricht gegangen sind, während sich die Mutter noch an rein türkisch-sprachige Klassen in der Innenstadt erinnert. Das Gelände war ideal zum Spielen für die Kinder. Als Familie hatten sie einen großen Garten, in dem die Oma Gemüse angebaut hat. „Auch wenn es mit so viel Personen auf den 4 kleinen Zimmern manchmal chaotisch zuging, war es toll und die Nachbarschaft hat sich gut verstanden und zusammengehalten“.
Aber so runtergekommen wie nun in der Eigentümerschaft der Stadt sahen die Gebäude auf jeden Fall nicht aus! Wie auch die derzeitigen Bewohner haben sie innen viel selbst gemacht und sogar ein Bad im Flur eingebaut, um sich ein gemütliches Zuhause allerdings mit Kohleofen zu schaffen.
Der Ort als künftiger Wohn- und Gedenkort ist ein stark besetzter emotionaler Ort. Selbst Anwohner der heute viel befahrenen Bergener Str. wissen kaum was über die Hintergründe und erzählen, dass man von Seiten der Eltern davon abgehalten wurde dorthin zu gehen. Der Ort war angstbesetzt und grenzte die dortigen Bewohner*innen als sozial Schwache und Fremde aus.
Viele Jahrzehnte nach der sog. „dunklen Zeit“ des Bergbaus, der Zeit des Nationalsozialismus, wurde das Geschehene verdrängt. Mehr als 20 Jahre sind nun seit der unter Denkmalstellung (2003) des ehemaligen Lagers verstrichen. Seit Ende 2019 recherchiert nun die Initiative Bergener Str. zur Geschichte des Ortes und versucht durch Bürgeranträge, die Stadt dazu zu bewegen, endlich tätig zu werden und den Ort denkmalgerecht zu sanieren sowie durch Öffentlichkeitsarbeit und Führungen im Bewusstsein der Bochumer Bevölkerung zu halten.
Im Juni 1944 also vor nun 80 Jahren wurde das ehemalige Lager der Zeche Constantin fertiggestellt. Es ist Zeit, dass endlich an der Umsetzung der der Verwaltung vorliegenden Arbeitsaufträge zur Sanierung und Erstellung eines menschenwürdigen Wohn- und Gedenkortes mit Hochdruck gearbeitet wird – mit baldigem sichtbaren Fortschritt!
Zu wünschen wären: Ein Begegnungs- und Lernort für künftige Generationen, an dem die Geschichte mit Händen zu greifen ist, wo man sich für eine offene, diskriminierungsfreie Gesellschaft im Sinne der Völkerverständigung beispielhaft einsetzen kann. Ein lokalpolitisches Zeichen auch gegen Nationalismus und Krieg, der durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nun seit mehr als 2 Jahren zum ersten Mal seit dem II. Weltkrieg wieder mitten in Europa tobt und unzählige Menschenleben auf beiden Seiten fordert. Nie wieder – ist jetzt!
