






Jekaterina Okunewa (geb. Seroschtan,li.) und Soja Solomkina (geb. Komnik) besuchten 2004 Bochum, wo sie ab dem 31.12.1943 im Kosthaus arbeiteten.
Jenakijewo, den 04. April 2004
Herkunft
Ich heiße Jekaterina Okunewa (geb. Seroschtan). Ich wurde am 20. November 1926 in Sidorowka Welikomichailowskij Rajon, Kurskaja Oblast [Oblast Kursk im südwestl. Russland, grenzt an die Ukraine, S.W.] in einer Bauernfamilie geboren. Wir waren vier Kinder – das Leben war sehr schwer (wir waren ganz arm). Im Jahre 1932 gab es eine Hungersnot und meine Eltern mussten umziehen, um uns Kinder zu retten. Meine jüngere Schwester verstarb an dem Hunger und wir waren angeschwollen wegen des Hungers.
Wir kamen in Jenakijewo an. Unser Vater arbeitete in einem Werk. Er machte allerschwerste Arbeit am Hochofen, um uns zu ernähren. Meine Mutter konnte nicht arbeiten, weil sie krank war. Ich und mein Bruder Ivan gingen in die Schule und lernten in derselben Klasse, obwohl ich nur 8 und er schon 10 Jahre alt war. Er konnte nicht früher anfangen, weil er keine Kleidung und Schuhe hatte. Ich beendete 1941 die 7.Klasse und der Krieg fing an. Unsere Stadt wurde von den Deutschen besetzt. Wir lebten zusammen mit unserer Mutter. Der Vater war an der Front.
Verschleppung nach Westfalen
Im April 1942 wurden ich und mein Bruder Ivan nach Deutschland verschleppt. Bis zur Eisenbahnstation in Jassinowataja mussten wir unter Bewachung zu Fuß gehen. Dort warteten wir 2-3 Tage. Dann mussten wir in die Güterwaggons. Wir waren 10-12 Tage unterwegs. Wir hatten Hunger. Wir kriegten ganz wenig zu Essen. Das war ein Minimum, damit wir unterwegs nicht sterben. Ich wurde von meinem Bruder getrennt. Er musste nach Essen, wo er in einer Zeche arbeitete. Und ich landete in der Stadt Westfalia an der Weser, Bonneberg 21 (ich erinnere mich genau an diese Adresse) [gemeint ist Westfalen; Bonneberg 21 ist dem Namen Fincke in Vlotho zugeordnet, Finke, Wilhelmstr. 16, Qu: wiki.genealogy.net, S.W.]. Der Bauer hieß Hermann Finke. Er war ungefähr 35-40 Jahre alt. Er hatte 4 Kinder: zwei Mädchen Erna und Frida (11-12 Jahre alt) und zwei Jungen Werner und Hermann (7-8 Jahre). Es hat noch einen alten Opa und seine Schwester Albina gegeben. Sie war ganz alt. Ich kenne den Vornamen der Wirtin nicht. Wir nannten sie Frau Finke. Sie hatten 6 Kühe, Hühner und viele Schweine. Auf diesem Bauernhof waren auch polnische Arbeiter Stanislav Smiatkovski und Bronislava Tomaschewska. Sie waren älter als ich und machten die ganze schwere Arbeit. Sie hatten Mitleid mit mir, weil ich 15 1/2 Jahre alt war. Der Wirt und die Wirtin waren gut zu uns. Es ging uns besser als den Ostarbeitern, die für andere Bauern arbeiteten.
Arbeit und Leben im Kosthaus in Bochum
Im Dezember 1942 wurde ich nach Bochum versetzt. Ich war im Lager Konstantin – Kosthaus, Hiltroperstraße 230. Wir waren 35 – 40 Leute. Wir arbeiteten in einer Küche. Die Älteren waren nicht gerecht zu uns Minderjährigen und gaben uns die schwerste Arbeit, die uns über die Kräfte ging. Wir mussten schwere Kisten voll von Gemüse tragen, riesengroße Kessel bewachen, große Kannen mit dünner Suppe in die Lastkraftwagen laden, die dann zu den zahlreichen Zechen gebracht wurden (es hat sehr viele Zechen in Bochum gegeben). In den Zechen arbeiteten unsere russischen Kriegsgefangenen. Wir mussten manchmal auch andere Arbeit erfüllen z.B. Arbeit in der Fabrik, wo Gemüse gedörrt wurde, oder in der Zeche, wo wir Müll beseitigen mussten. Die Arbeit war schwer und wir erhielten nur 200g Brot pro Tag und dünne Suppe in unbeschränkter Menge.
In demselben Gebäude befand sich auch ein Dampfbad für Kriegsgefangene. Jeden Tag wurden Kriegsgefangene dorthin gebracht. Dort wurden sie gewaschen und ihre Kleidung wurde mit Dampf behandelt. Und dann mussten wir in dieser Höllenhitze aufräumen. Jedes Mal sahen wir diese bewachten Kolonnen und brachten einige Krankentragen. Die Kriegsgefangenen waren ganz entkräftet und manche von ihnen starben. Dann wurden sie mit Hilfe der Krankentrage zurückgetragen. In diesem Lager traf ich mich mit Soja Solomkina (geb. Komnik). Wir kommen aus einer Stadt und sind auch jetzt befreundet. Wir erinnern uns an die schweren Jahre unserer Jugend.
Erniedrigung und Unterstützung
Der Arbeitgeber hieß Herr Strafmann. Seinen Vornamen kennen wir nicht. Die Wirtin nannten wir Frau Strafmann [Wilhelm Stratmann war dort als Magazinverwalter gemeldet und war für die Lager zuständig, S.W.]. Sie war eine sehr strenge Person, sie war ganz boshaft. Wir hatten Angst vor ihr. Sie war 45-50 Jahre alt. Sie hatten keine Kinder. Sie war lahm und hinkte an einem Bein. Der Polizist hießt August (ich weiß nicht, ob das sein Vor- oder Familienname ist). Er lief hin und her und schlug mit seiner Peitsche auf seine Stiefel. Er war jung und wollte uns so schrecken. Es hat auch eine Aufseherin gegeben. Sie hieß Zibula (ich weiß nicht, ob das ihr Vor- oder Familienname war). Sie war gut – sie machte nichts Böses. Es hat auch Frau Graf gegeben. Sie lud uns zu sich nach Hause ein und wir tranken Tee bei ihr, sie bewirtete uns. Sie hatte 2 Töchter. Sie hatte keinen Mann. Sie wohnte unweit von unserem Lager. Während der Luftangriffe ließen uns die Deutschen nicht in ihren Luftschutzraum hinein und wir versteckten uns im Keller in unserem Lager. Einmal traf eine Sprengbombe unser Wohnheim und es ging in Flammen auf. Wir wohnten im Keller bis unser Haus repariert wurde. Ich erinnere mich auch an alle Mädchen von der Krim. Sie sangen ganz traurige Lieder, saßen und weinten, erinnerten sich an die Heimat. Ich besuchte sie im Jahre 1967 auf der Krim*. Jetzt sind viele von ihnen schon verstorben. [* 2005 nahm Ivanova Valentyna von der Krim an dem Besuchsprogramm der Stadt Bochum teil. Sie war ebenfalls als Küchenhilfe auf der Zeche Constantin d. Große tätig. S.W.]
Befreiung und Rückkehr
Wir wurden von den Amerikanern am 04.04.1945 befreit. Sie brachten uns in die Stadt Magdeburg an der Elbe. Dort wohnten wir eine kurze Zeit in einem Lager bis wir im Oktober 1945 nach Hause kamen.
Ich arbeitete nach dem Krieg in Jenakijewo in einem Eisenhüttenwerk als Elektrikerin. Jetzt bin ich Rentnerin. Mein Mann verstarb 1998. Jetzt wohne ich allein. Meine Monatsrente beträgt 30 Euro. Wenn ich erkranke und Arzneien brauche, dann sind sie zu teuer für mich. Die kommunalen Leistungen sind auch teuer. Es ist sehr schwer, von solcher Rente zu leben.
Ich bin dankbar dafür, dass man mich gefunden hat. Ich möchte ganz gerne Orte in Deutschland besuchen, wo ich lebte und arbeitete und einige Jahre meines schweren Schicksals verbrachte.
Hochachtungsvoll Jekaterina Okunewa
– Jekaterina Okunewa, P.Schewtschenko, 86 /56, Jenakijewo, Donezkaja Oblast 86430) –
Quelle: Gesellschaft für ehemalige minderjährige Zwangsarbeiter, Donezk
Anmerkung: Zwischenüberschriften und Kommentare wurden nachträglich ergänzt, S.W.
Dankesbrief zu Spenden für die 10 noch lebenden Zwangsarbeiter aus Donezk, im Dezember 2023
Alle bedanken sich ganz herzlich. Dies ist eine sehr wertvolle Unterstützung zwischen den Jahren. Man dürfte sich jetzt nicht nur aufs Nötigste fokussieren, sondern sich auch etwas für die feierliche Stimmung leisten. Juriy Samsonenko schreibt, dass er vom Krieg sehr deprimiert ist. Ekaterina Okuneva ist schon 97 Jahre alt, sie schreibt, dass sie oft Bluthochdruck und Kopfschmerzen hat und viel Geld für Medikamente ausgeben muss. Es ist schon 19 Jahre her, als sie in Bochum war, aber sie erinnert sich noch an die Momente aus der Zeit. Es tut allen wahnsinnig gut, einfach nicht vergessen zu werden. (Brief aus Donezk im Dezember 2023 an Waltraud Jachnow)
